🚴2020 Belgien mit dem Rad – Go west!


2020 Belgien mit dem Rad – Go west!

Eine Radtour durch Belgien – unter Aussparung des Südens, da ich doch in den letzten Jahren etwas faul geworden bin und keinen gesteigerten Wert auf Herausforderungen à la „Flèche wallone“ und “ Liège- Bastogne- Liège“ lege. Das heißt, dass ich mir für die erste Etappe den interssantesten Weg nach Lüttich aussuche: ich kenne die Gegend dank vieler Radtouren so gut, dass ich die Filetstückchen rauspicken möchte. Danach aber kommt Neuland: ich freue mich auf den RAVEL die Maas entlang, möche die Bergbaukultur des Ruhrgebiets mit der des belgischen Reviers vergleichen und die vielen kleinen und größeren Städte entlang der Maas entdecken. Und danach? Mal sehen… Vielleicht den Canal du cente entlang, um noch mehr Industriegeschichte zu tanken oder aber den sicherlich landschaftlich schöneren Teil entlang der Sambre?- Auf jeden Fall ist das erste größere Ziel die französische Grenze. Und dann sollte es langsam wieder zurückgehen – am besten im großen Bogen einschließlich Besichtigung der großen flämischen Städte und Bad der Füße in der Nordsee. Aber das ist alles Zukunftmusik . Zunächst mal nach Lüttich!

Tag 1 – Belgien mit dem Rad entdecken: Von Kelmis nach Lüttich (ca. 60 km)

Über Bahntrassen, durch das Tal von Bel und Berwinne und zuletzt an der Maas entlang nach Lüttich – wenn der Weg nicht als Radtour geplant gewesen wäre hätte es auch viele Möglichkeiten zu tollen Besichtigungen gegeben

Zum Beginn der Entdeckungsreise durch den Norden Belgiens soll die erste Etappe von zu Hause in Kelmis nach Lüttich gehen.

Sofort kommen mir die möglichen Routen in den Sinn. Soll ich den RAVEL über Aubel , Herve und Beyne- Heusey fahren ? Möglich, aber den Abschnitt hinter Herve finde ich nicht so schön – und außerdem kenne ich den Weg schon. Val Dieu im Tal der Berwinne sollte wirklich auf der Strecke liegen, und … die Zeche in Blegny ist doch Weltkulturerbe), da muss ich also möglichst auch vorbei – und wie ist es mit dem Kreuzweg in Moresnet – nur weil der direkt um die Ecke liegt , sollte ich ihn doch nicht rausfallen lassen ? – Wer die Qual hat, hat die Wahl…

Moresnet Chapelle
Moresnet Chapelle

So entschließe ich mich – auch um meine eigene Neugier etwas zu befriedigen, nicht nur über bekannte Straßen zu fahren.

Früh am Sonntagmorgen geht’s also los und ich fahre über kleine Wege nach Moresnet- Chapelle. In diesen Marienwallfahrtsort haben sich die deutschen Franziskaner im Kulturkampf des 19. Jahrhunderts vor der preußischen Staatsgewalt zurückgezogen und bis zum Jahre 2005 den Wallfahrtsort betreut. Ende des 19. Jahrhunderts entstand auch der beeindruckende, in einer Parkanlage liegende Kreuzweg.

Hinter Moresnet bin ich dann auf dem Bahntrassenradweg der alten Linie 39) nach Aubel gefahren An sich wollte ich über den immer wieder interessanten und lebendigen Markt im Zentrum des Ortes schlendern – aber bei Sperrgitter und Maskenpflicht ist mir die Lust vergangen und ich habe mich mit einem kurzen Foto über den Zaun begnügt.

Jetzt kommt die Sonne kräftig durch und ich fahre genüsslich und leicht bergab durchs Tal der Bel zur (ehemaligen) Zisterzienserabtei in Val Dieu. Aktuell wird das Kloster von einer zisterziensichen Laiengemeinschaft genutzt, die den Klostergarten für Besucher geöffnet hat und im Garten einen Rundweg mit spirituellen Impulsen angelegt hat. Ich war zwar schon oft in Val Dieu (auch wegen der Klostergaststätte mit exzellentem Käse und Bier) – aber diesen Garten habe ich heute erstmals entdeckt und ziemlich viel Zeit hier verbracht.

Aber ich will nach Lüttich.  Weiter geht’s durchs Berwinne Tal bis Dalhem – dort entdecke ich einen alten Bahntunnel, der gerade als Fahrradweg neu eröffnet ist, nachdem die Bahn und der Tunnel nach einem schweren Zugunglück fast 30 Jahre in Schockstarre lagen und weder Zug-noch Radverkehr weiter entwickelt wurden. Jetzt also der neue Radweg, den ich neugierig fahre, ohne sicher zu wissen, wo ich auskommen werde. Glück gehabt – ich komme ziemlich genau an dem Ort aus, der sowieso auf meiner Peillinie lag – der Zeche in Blegny.

Blegny

Klar, Blegny ist nicht so riesig und imposant wie Zollverein in Essen – aber dennoch eine spannende und vor allem auch ältere Zechenarchitektur – Heute habe ich keine Zeit, in den Schacht einzufahren – aber das Gelände bietet auch so interessante Einblicke in den Bergbau im 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.

Von da aus habe ich versucht, über nicht allzu stark befahrene Straßen bergab ins Maastal zu gelangen. Das gestaltet sich aufgrund der unglaublich schlechten Ausschilderung ziemlich schwierig: Trotz guter Karten-App brauche ich mächtig lange und muss einige Male die Richtung korrigieren, bis ich auf dem Maasradweg ankomme und in die Stadt nach Lüttich hineinfahren kann. In der Stadt selbst dann Bummel durch die Straßen der Altstadt und Besichtigung der Treppe an der „Montagne de Beuren“. Leider ist die Bartholomäuskirche mit dem romanischen Taufbecken des Reiner von Huy geschlossen (obwohl sie laut Schildern und Internet geöffnet sein sollte … grrrr…..), so dass ich etwas früher als geplant in einer kleinen Kneipe in der Nähe des ehemaligen Minoritenklosters zu einem unglaublich leckeren Weißbier komme.  Später fahre ich zu dem wirklich stylischen Lütticher Bahnhof (vom Architekten Santiago Calatrava, dessen Werke ich auch schon in Valencia bewundert habe),  dann mit dem Zug zurück nach Welkenraedt und zuletzt mit dem Rad zurück nach Hause : wenn die nächsten Etappen ähnlich erlebnisreif werden, bin ich von „ Belgique en vélo“  hellauf begeistert !

Belgien entdecken

2020 Ardennenwanderung

Ich wohne seit gut 20 Jahren in Belgien, die Kinder sind hier zur Schule gegangen, ich mache hier Sport, bin in der Gemeinde aktiv und singe im Chor.

Aber … ich bin in den letzten Jahren zwar hunderte Male durch Belgien nach Frankreich gefahren, überquere täglich die Grenze auf dem Weg zur Arbeit – aber kenn ich Belgien? Ehrlich gesagt – deutlich weniger als Deutschland oder Frankreich.

Schon zu Beginn dieses Jahres – also vor Corona – hatte ich mich entschlossen, das zu ändern.

Eine Wanderung quer durch die Ardennen war die Idee. So habe ich Anfang März dann auch zwei Etappen von Eupen bis Nessonvaux geschafft – aber dann ging gar nichts mehr – unmöglich, einem Polizisten klarzumachen, dass ich um Sport zu reiben mal eben nach St. Hubert fahre…

Zum Herbst hin habe ich die Idee aber wieder rausgekramt und mir nun vorgenommen zu Fuß (und evtl.-  falls Verkehrsverbindungen zu schlecht sein sollten auf dem Rückweg auch mit dem Rad) vom Dreiländereck zum südlichsten Punkt Belgiens in Trogny zu laufen. Für den Weg vom Dreiländerpunkt bis Eupen brauche ich keinen ausgeschilderten Wanderweg – das ist mein bekanntes Revier – da kann ich auch so schöne Wege gehen. Von Eupen nach Lüttich habe ich mich grob an den Heckenweg bzw. den GR 573 gehalten. Danach soll es die Ourthe flussaufwärts gehen (GR 57) und dann orientiere ich mich am GR14 bzw. der Transardennaise bis Bouillon und für das letzte Stück an der Transgaumaise.- So, das ist der grobe Plan.

Normalerweise ist ein Reiseblog chronologisch aufgebaut: das wird diesmal nicht klappen. Corona hat das ziemlich durcheinandergewürfelt. Ich werde die im März gewanderten Etappen nicht wiederholen und einfach dazwischensetzten – ihr müsst halt sehen wie ihr klarkommt…. die Texte der Etappen vom Anfang des Jahres sind (leider) im Nachhinein geschrieben – und das ist schon eher das Problem: denn die letzten 6 Monate waren so intensiv, dass ich nur schwer meine Gedanken vor dem Lockdown wieder nachempfinden kann.  Also – sorry für die fehlende Spontaneität….

Ich habe mir dann aber noch mal die Belgienkarte angeguckt – und mir ist natürlich nicht zum ersten Mal aufgefallen, dass die Ardennentour eigentlich höchstens die Hälfte Belgiens einschließt (eher noch weniger). Es fehlt die Mitte, es fehlt ganz Flandern – und eigentlich auch Ostbelgien. Was tun?

Flandern zu Fuß ist nicht so mein Ding. Morgens schon zu sehen, wo ich abends ankommen werde…. muss nicht sein. Also habe ich vor, diesen Teil mit dem Rad zu entdecken und auch schon die erste Etappe zwischen Kelmis und Lüttich bewältigt.

Also wird es – so Corona will –  zwei parallele Blogs geben:  wobei ich zzT. auch (Gründe s.o.)  weniger gerne durch größere Städte radele als durch den Wald spazieren  gehe…
Aber der Ravel die Maas entlang und dann mit dem Rad weiter Richtung Meer – das läuft ja nicht weg….

Ardennenwanderung
Ardennenwanderung

2020 Belgien mit dem Rad – Go west!

Die Idee ist eine Radtour durch Belgien – allerdings unter Aussparung des Südens, da ich doch in den letzten Jahren etwas faul geworden bin und keinen gesteigerten Wert auf Herausforderungen à la „Flèche wallone“ und “ Liège- Bastogne- Liège“ lege. Das heißt, dass ich mir für die erste Etappe den interssantensten Weg nach Lüttich aussuche: ich kenne die Gegend dank vieler Radtouren so gut, dass ich die Filetstückchen rauspicken möchte. Danach aber kommt Neuland: ich freue mich auf den RAVEL die Maas entlang , möche die Bergbaukultur des Ruhegebiets mit der des belgischen Reviers vergleichen und die vielen kleinen und größeren Städte entlang der Maas entdecken. Und danach? Mal sehen… Vielleicht den Canal du cente entlang, um noch mehr Industriegeschichte zu tanken oder aber den sicherlich landschaftlich schönerern Teil entlang der Sambre?- Auf jeden Fall ist das erste größere Ziel die französische Grenze. Und dann sollte es langsam wieder zurückgehen – am besten im großen Bogen einschließlich Besichtigung der großen flämischen Städte und einem Fußbad in der Nordsee. Aber das ist alles Zukunftsmusik . Zunächst mal nach Lüttich!

🚴 Juli 2020: Quer durch Hessen und Thüringen

2020 Radtour Hessen Thüringen
2020 Radtour Hessen Thüringen, Amöneburg bei Marburg

Corona… ganz Deutschland macht Ferien im Inland und fährt in die Alpen oder ans Meer. Gibt es eine bessere Gelegenheit, um die unbekannten deutschen Mittelgebirge kennenzulernen? Eine spannende Tour über Radfernwege und lange Bahntrassenradwege von der Lahn zur Werra und über die Rhön zum Main!

Den Blog schreibe ich meist während der Tour : abends, wenn ich aufs Essen warte, vor dem Einschlafen oder nachmittafs auf der Hütte. Blogs gibt’s also meist dann, wenn ich solo unterwegs bin. Manchmal ist das Netz so schlecht, dass ich den Blogtext nur in Word schreiben kann und auf einen der nächsten Abende mit besserem Internet warte – manchmal schaffe ich es aber sogar, die Bilder auch schon zeitnah hochzuladen. Auf jeden Fall liefert der Blog die aktuellsten Impressionen- es ist eben das Reisetagebuch

Die Powerpoint erstelle ich später zu Hause: da suche ich die Hintergrundinfos zu den besuchten Orten heraus, erkläre Zusammenhänge und Details und stelle meine Fotos zusammen. Die Quelle zu den Texten bilden dabei Bücher, Wikipedia, Infos der Touristenbüros aber auch andere Internetseiten. Vor allem aber versuche ich mit etwas Animation die Bilderfolge interessanter zu gestalten.

Die Diashow ist im Pinzip die abgespeckte Variante der Powerpoint. Vor allem gedacht für einen kurzen Überblick. Auch wenn ihr den Download der Powerpoint scheut oder keinen Viewer habt, kommt dieser Weg infrage

Karte und Track der Radtour

…mehr Infos zu Wegbeschaffenheit und Höhenprofil ?

Tag 8: Steinheim bei Hanau – Großwinterwinternheim (85 km)

Skyline Frankfurt
Skyline Frankfurt

Donnerstag, 9. Juli 2020

Kein Regen (und nur mäßiger Gegenwind)!

Fischreiher am Main

 Gegen 8.00 verlasse ich das sehr angenehme Zimmer in Steinheim: das ist eins von diesen modernen Fremdenzimmern, bei denen man eine Mehrzimmerwohnung umgebaut hat und an Tagesgäste vermietet. Der Zugang erfolgt mit Code, es gibt Küche und Gemeinschaftsbad, bei Problemen ist der Vermieter per Handy erreichbar. Schwierig für mich ist nur, dass auf diese Weise jede Art der Kommunikation ausfällt … .

Auf dem Weg dann Frühstück in einer Bäckerei:  das ist, da die Frühstücksbuffets Corona- bedingt abgeschafft sind, immer eine gute Alternative.

Grafittis am alten Mainhafen
Grafittis am alten Mainhafen

 Ich hatte befürchtet, dass der Weg an Frankfurt vorbei durch das Maintal zugebaut und hässlich sei – das ist zumindest im Osten der Metropole nicht der Fall: der Weg führt durch Wiesen, am Fluss entlang, sehr romantisch. Und plötzlich: die Skyline der Wolkenkratzer von Frankfurt. Beeindruckend. Wenn man näherkommt, kann man erkennen, dass die Stadt auch im Mittelalter erhebliche Bedeutung hatte: aber die an sich mächtigen Kirchtürme erscheinen winzig neben den Zeichen moderner Machtfülle. So wählt sich eben jede Epoche ihre eigenen Götter ….

leckere Pflaumen

Nach Frankfurt hätte ich die Karte genauer studieren sollen: dann hätte ich vorher gesehen, dass sich der Mainradweg ab jetzt durch alle nur möglichen Industriegebiete schlängelt: allen voran Hoechst- Sanofi, dann aber auch eine Menge anderer kleinerer Fabriken und Einkaufsmeilen. Etwas nervig. Jedoch finde ich Leckeres für mein körperliches Wohl: Brombeeren an der alten Mauer eines Fabrikgeländes, und dann liegen auf dem Weg haufenweise Pflaumen unter einem Baum: lecker süß ! Ich sammle für die Mittagspause. Fragt jemand: ‚was issen das ?‘- ‚Pflaumen !‘ – ‚Sehen aber komisch aus…‘. ‚Schmecken aber super…‘ -‚ nee, lieber nicht’… .

St. Stephan: Glasfenster von Marc Chagall

Der Weg selbst wird erst wieder schön ab der Mainmündung kurz vor Mainz- Kastel und schon bald fahre ich über die Rheinbrücke zur Besichtigung von Mainz. Der Kontrast der leicht und fast verspielt wirkenden Bürgerhäuser der Stadt am Rhein mit den umliegenden Weinbergen im Vergleich zu den hessischen Städten der letzten Tage ist frappierend. Ich besichtige den Dom, dessen wuchtige Romanik ich beeindruckend finde, wenn mich auch die barocke Innenausstattung wieder überhaupt nicht anspricht. Zeitgeist?

Umso mehr faszinierend sind die von Chagall gestalteten Fenster der Kirche St Stephan: die persönliche Bekanntschaft des damaligen Pfarrers mit dem Künstler hat zu diesen wahnsinnig schönen Fenstern geführt.

Um zu meinen Freunden in dem kleinen Weinort Großwinternheim zu kommen, nehme ich den direkten Weg, 17 km, über den kräftigen Anstieg am Lerchenberg (statt der 35 km am Rhein entlang). Ich glaube, der Weg war für mich keinesfalls schneller…. . Am Abend dann leckeres Essen mit Spundkäse, Backofenkartoffeln und Gemüse in Kombination mit netten Unterhaltungen. Ein gutes Ende meiner Tour durch die Mitte Deutschlands.

Morgen geht’s dann mit dem Zug nach Hause – Nadya und Peter fahren erst zum Abend ins Rheinland.

 Fazit:

 1. Es fährt sich deutlich angenehmer von West nach Ost.

 2. Zu behaupten, dass durch Corona deutsche Urlaubsgebiete überfüllt seien, wäre eine absolute  Verkehrung der Tatschen- nie war es einfacher, Unterkünfte kurzfristig zu bekommen

3. Noch nie habe ich so wenig Menschen auf einer Tour kennengelernt wie diesmal . Corona ?

4. Hessen und das angrenzende Thüringen sind unbedingt eine Reise wert.

5. Die Bahntrassenwege in Hessen sind genial!

Tag 7: Gedern – Steinbach bei Hanau (65 km)

Storche
Storchennest

Mittwoch, 8.Juli 2020

… wenigstens glatt und bergab!

Nein, der Wetterbericht hat sich nicht getäuscht. Beim Aufwachen höre ich den Regen auf die Zeltplane prasseln – was mir dann definitiv jede Lust am Aufstehen nimmt. Ich kuschele mich in meinen Schlafsack, lese etwas, döse rum – es hilft alles nichts: der Regen wird nicht weniger. Also Aufstehen, Satteltaschen packen, Zelt abbauen – ich fange jetzt schon an nass zu werden. Dann versuche ich ein ausführliches Frühstück in einer Bäckerei am Ort – es hilft alles nichts- es regnet weiter ! Also dann: In Goretex eingepackt fahre ich die Bahntrasse weiter – glücklicherweise mit deutlich weniger Wind und meist bergab. Langsam ändert sich die Landschaft, das Tal wird weiter – der Regen bleibt. Trotzdem schaue ich mir mir Ortenberg an, bewundere die Fachwerkhäuser und radele dann langsam weiter.

Ortenberg

Zeitweise kreuzt meine Route interessante Wanderwege: den Bonifatiusweg, den Jakobsweg. Inzwischen ist Feuchtigkeit in meinem Fotoapparat, das Smartphone (GPS) streikt und ich bin trotz Goretex bis auf die Haut nass. Ich konnte, bis gar nichts Elektronisches mehr funktionierte, gerade noch ein B&B bei Hanau buchen. Dann hatte ich aber erhebliche Mühe, mich so ohne Karte durch die Stadt durchzuschlagen, um das Haus überhaupt zu finden. Aber die Unterkunft ist gut und das indische Abendessen auch. Morgen geht’s dann  Main und Rhein entlang zu Nadya.

Tag 6: Fulda- Gedern (95 km)

Schlitz
Lauterbach

Dienstag, 7. Juli 2020

Heute Morgen bin ich nach einem leckeren Frühstück in einer Bäckerei zunächst die Fulda flussabwärts geradelt. Der Radweg heißt „Fuldaradweg“ – ganz wichtig – nicht: Fuldatalradweg. Die kleinen 3 Buchstaben machen den ganzen Unterschied. Der Weg läuft manchmal am Hang, manchmal im Tal entlang und generiert infolgedessen die entsprechenden Steigungen.

Blick zurück auf Fulda
Blick zurück auf Fulda

Nach Besichtigung des kleinen Fachwerkstädtchens Schlitz nehme ich die Bahntrasse der ehemaligen Ortenberg -Bahn über die Rhön. Wenn ich auf einer Bahntrasse, die ja nie eine Steigung über 2,5% hat, nur 12 km/h bergauf und mit viel Treten 18km/h bergab fahre, bedeutet das entweder, dass ich total schlecht in Form bin, oder sich der Wind doch nicht gelegt hat…

Und besonders frustrierend : fast alle (!) überholen mich. Umkehrschluss- fast alle fahren E- Bikes (oder sind besonders fit).

Warum fahre ich eigentlich kein E- Bike ?

Ok, das diskutieren wir jetzt nicht aus, meine Zunge hängt mir auch viel zu sehr aus dem Hals….

die Bahntrasse der Ortenberg -Bahn

Auf der Weiterfahrt komme ich noch durch das pittoreske Lauterbach, bemerke den höchsten Punkt der Bahnlinie bei Hartmannshain auf 581 m – und dann kommt die absolut geniale Abfahrt: meist im Wald und deswegen ohne Gegenwind: ca. 20 km lang !!!

Ich habe mir Gelden als Übernachtungsort ausgeguckt, weil die Entfernung stimmt und es hier vor allem einen See mit Camping gibt: so komme ich zum Schwimmen im See (wie in Bütgenbach) und außerdem habe ich das Zelt nicht völlig umsonst mitgenommen. Ich dachte nämlich, dass in diesem Jahr alle Menschen in Deutschland Urlaub machen, und es deswegen furchtbar voll werden würde… . Fehleinschätzung- es ist leerer als sonst, allenfalls machen mehr Leute Tagesausflüge. Meines Erachtens haben vor allem alle ihr Urlaubsgeld in E- Bikes gesteckt….

Übernachtung dann auf dem Camping am Gederner See:
Schwimmen inclusive !

Der Wetterbericht für morgen ist nicht sehr verheißungsvoll – aber manchmal täuschen die sich auch, oder ?

Tag 5: Philippsthal- Fulda (85 km)

Dom zu Fulda
Dom zu Fulda

Montag, 6. Juli 2020

Riesenfrühstück heute Morgen: die Wirtin in dem kleinen Hotel in Phillipstal meinte es gut mit mir und hat damit auch gleich das Mittagessen gesponsert. Am Buffet hätte ich mich niemals in dieser Form bedient, aber die sind ja durch Corona verboten, und was auf dem Tisch ist, muss nachher ja sowieso weg… .

Danach bin ich das Ulstertal (immer noch in Thüringen) hochgeradelt. Bei der Landschaft könnte ich auch in der Eifel sein – alte Vulkangebirge sehen sich halt ähnlich. Das Ulstertal liegt übrigens nicht in Nordirland – aber der Name hat was damit zu tun: irische Mönche kamen im 7. oder 8. Jahrhundert in die Gegend und haben den Fluss nach ihrer Heimat benannt.

Milseburgradweg mit Blick auf die (den ?) Milseburg u nd die Kuppenrhön

Kurz hinter dem kleinen Örtchen Thann beginnt dann der Milseburg-Bahntrassenradweg nach Fulda: ein ganz toller Weg über die Kuppelrhön, der die obersten 200 Höhenmeter durch einen fast 1,5 km langen Tunnel umgeht. Die Trasse führt unter dem (oder der ) Milseburg durch: das ist ein ganz markanter Berg, der schon in keltischer Zeit besiedelt war und auf dem noch Reste der breiten Schutzwälle dieser Siedlungen zu sehen sind: aber wie gesagt, die letzten 200 Höhenmeter habe ich mir geschenkt…. . Hinter dem Bergbahnhof ging es glücklicherweise mit deutlich weniger Gegenwind immer bergab nach Fulda.

Wie unterschiedlich Universitätsstädte sein können: während ich in Marburg pulsierendes studentisches Leben gespürt habe, fühlt sich hier alles härter und steng an. Oder liegt es nur daran , dass ich den dominanten „Hohen Dom zu Fulda “ im Barockstil nicht mag ?

im Schlossgarten in Fulda

Der Schlossgarten ist aber schön und belebt, und die alte karolingische Rundkirche St. Michael neben dem Dom unbedingt sehenswert und inspirierend. Aber trotzdem … der Funke springt bei mir nicht über. Mein AIRBNB liegt etwas außerhalb und ich fahre abends noch mal sehr schön entlang der Fulda in den Ort. Ich esse in einem chinesischen Snack (übrigens sehr lecker) – aber auch, weil mich keins der „richtigen“ Restaurants wirklich anspricht. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Maskenpflicht hier deutlich strenger genommen wird, als auf den bisherigen Stationen meiner Tour (einschließlich meiner Zimmerwirtin: so kommt sicher kein Gespräch zustande… ) .

Michaelskirche – mit einem Oktogon wie im Aachener Dom !

Morgen früh fahre ich dann weiter – zunächst nach Norden die Fulda entlang und dann weiter über die Rhön Richtung Westen. Der Gegenwind soll ja etwas abnehmen!

Tag 4: Eisenach – Philippsthal (60 km)

Sonntag, 5. Juli 2020

Heute ist Sonntag. Nach gemeisamem Frühstück bin ich bin mit Peter, der im Kirchenchor singt, zur Messe gegangen: Ich war schon ein wenig erstaunt, im ehemaligen Osten eine so lebendige Gemeinde zu sehen : bunt gemischt – einschließlich Kindern und Jugendlicher. Peter meint, es wären in den letzten Jahren weniger Jugendliche geworden, aber das ist Klagen auf ziemlich hohem Niveau…. Aber auch hier gibt es keine jungen Pfarrer.

Lauchröden
Lauchröden

Ich bin dann um 12.00 losgefahren, um das Werratal hinaufzuradeln: zunächst ging der Weg 25 km zurück bis Gerstungen.  Da ich eime andere Route gewählt hatte als am Vortag, war es trotzdem überhaupt nicht langweilig. Vorbei wieder an kleinen Fachwerk- und Dorfkirchen, deren originelle Architektur z.B. als Rundkirchen den Einfluss der Reformation zeigt: wichtig sind Verkündigung und Predigt durch den Pastor inmitten der Gemeinde: deswegen sind die Sitzreihen eher wie im Theater und nicht wie in einer klassischen Kirche angeordnet.

Das Werratal zwischen Gerstungen und Vacha ähnelt der Industrielandschaft im Norden Frankreichs: kleine Dörfer mit riesigen Abraumhalden. Dort Kohle (schwarz) und hier Kali (weiß). Wobei ich finde, dass diese steilen weißen Halden, die das Niveau der umliegenden Hügel deutlich überragen, noch seltsamer in der Landschaft aussehen als die Relikte des Kohlenbergbaus (oder bin ich die aus dem Ruhrpott nur mehr gewöhnt?)

Der heutige Radtag ist fies anstrengend: es herrscht ein stürmischer Gegenwind, der mich sogar bergab kräftig treten lässt. So habe ich nach den knapp 60 km das Gefühl, den ganzen Tag bergauf gefahren zu sein und bin dementsprechend platt. Darüber hinaus sind meine Lippen trocken und aufgesprungen – was ich auch aufdie hohen weißen Salzberge zurückführe… Übernachtung in einem kleinen Hotel in Philippsthal und Abendessen in einer Pizzeria im Schloss – nettes Ambiente, aber auch heute wieder nur wenig Begegnungen und Gespräche auf dem Weg. Ich denke schon, dass das mit Corona zusammenhängt….

Tag 3: Bad Hersfeld – Eisenach (75km)

Wartburg
Wartburg in Eisenach

Samstag, 4. Juli 2020

Jugendherbergen in Corona – Zeiten: das bedeutet, dass ich in der riesigen JH fast alleine bin. Gespenstisch – und ohne den Hauch einer Chance mit Gleichgesinnten ins Gespräch zu kommen, da das Früstück am Tisch serviert wird (in einer JH!) – und der einzige weitere Einzelwanderer an einem Tisch am anderen Ende des Saales platziert worden ist…

die Fulda

Heute geht’s nach Eisenach: Dort habe ich mich heute Abend bei Peter, einem Wanderbekannten vom Eifelsteig angemeldet: er will mir auf den letzten Kilometern mit dem Rad durchs Werratal entgegen kommen.
Bis Bebra radele ich angenehm flach durchs Fuldatal und dann (so dachte ich) flach weiter in der Nähe der Bahnlinie. Die Bahn verläuft auch  wirklich flach…. Nur der Radweg nimmt – wie schon in den letzten Tagen –  jeden Hügel und jede Bodenwelle mit, so dass der Schwung nie ausreicht und ich ohne Ende schalten muss. Wie hat Peter gesagt? „pass auf, der Weg von Bebra aus zieht sich…“ – wie recht er hat … . Aber die Landschaft hier in Waldhessen ist traumhaft schön: kleine Dörfer mit schiefergedeckten Kirchtürmen, Felder… nur: welche jungen Leute wollen das weiterführen ? Die geschlossenen Geschäfte in den Dörfern lassen ahnen, dass es da ein Problem gibt. Vor allem, diese Art der Landschaft ist eine Kulturlandschaft:  wenn niemand die Felder bestellen würde, sähe es hier ziemlich anders aus.

Kalihalde
bei Großensee und Kleinensee:
mit den Abraumhalden auf der thüringischen Seite

Bei einer kleinen Bergabfahrt  dann der Kulturschock: wie aus dem nichts – ich bewundere noch die kleine idyllische Kirche – ein riesiger weißer, sicher 300 m hoher steiler Berg: Kaliabraumhaden. Ich bin in Großensee, direkt an der ehemaligen DDR Grenze. Auf dem Weg nach Kleinensee auf thüringischer Seite komme ich an den Resten von Zaun und Mauer vorbei ( ja, die gab’s nicht nur in Berlin) und sehe an den beiden Ortsteilen den scharfen Kontrast bäuerlicher Ortskultur im Westen und Industriesiedlung auf der Ostseite… Eigenartig. 

inner deutsche Grenze Großensee/ Kleinensee
die frühere innerdeutsche Grenze bei Großensee:
mit Todesstreifen, Stacheldrahtzaun und Mauer-
wie in Berlin
Karte des innerdeutschen Grenzverlaufs

< KOMMENTAR nach Ende der Tour: so kann der erste Eindruck täuschen: ich habe beim Erstellen meines Fotoalbums eine alte Karte studiert: der Ort mit der kleinen Kirche bei der Bergabfahrt ist Großensee und liegt als Fast- Enklave in Thüringen- also der ehehmaligen DDR. Kleinensee ist ebenso eine Fast – Enklave und lag in der BRD in Hessen. Und der ,,scharfe Kontrast“ bestand alo nur in meiner vorgefassten Meinung…..>

In Eisenach nach der dringlich notwendigen Dusche dann Stadtbesichtigung inclusive Wartburg – Besteigung: Ich habe erst da erfahren, dass die Burg im 19. Jh aus Ruinen im Stil einer idealisierten mittelalterlichen Burgenromantik wieder aufgebaut wurde. 

Peter aus Eisenach

Am Abend gab’s eine leckere Gemüsepfanne bei Peter und seiner Freundin. Gelungener Abend. Lieber Peter – falls du das liest: vielen Dank für die Gastfreundschaft !